Zum Inhalt springen
Wasserstand/Pegel Zürichsee Oktober 2026

Rekord-Niedrigwasser am Zürichsee: Was das Segeljahr 2026 mit uns gemacht hat

Von Ivano Celia

2026 wird in die Geschichtsbücher eingehen, auch bei uns auf dem See. Wir sind diese Saison zweimal mit dem Boot aufgelaufen, bei der Ein- und Ausfahrt unseres Hafens. Kurse und Prüfungen konnten wir trotzdem alle wie geplant durchführen. Hier unsere Erfahrungen, die Zahlen dahinter und was du als Seglerin oder Segler daraus mitnehmen kannst.

Der See so tief wie nie seit Messbeginn

Am 3. Oktober 2026 lag der Pegel des Zürichsees bei 405.25 m ü. M. Zum Vergleich: Im langjährigen Schnitt liegt der See im Oktober bei 405.97 m, der bisher tiefste Oktoberwert seit 1951 betrug 405.79 m (2018). Der See liegt also rund 70 cm unter dem normalen Oktoberstand und über einen halben Meter unter dem bisherigen Oktober-Rekord.

«Zürichsee Wasserstand Oktober»

Schon im Sommer zeichnete sich das ab: Der Zürichsee erreichte den tiefsten August-Wert seit Messbeginn 1951. Weil dem See wegen der anhaltenden Trockenheit weniger Wasser zufliesst, als aus ihm abfliesst, haben die Kantone reagiert: Seit dem 1. Oktober fliessen nur noch 20 statt 30 Kubikmeter pro Sekunde in die Limmat ab, vorerst befristet bis Ende Oktober. Der Obersee hängt über den Seedamm direkt am Zürichsee und ist genauso betroffen.

Was das für uns auf dem Wasser hiess

Unsere Dehler Varianta 18 hat einen Tiefgang von 1.15 m. In unserer Hafenein- und -ausfahrt haben sich zwei Untiefen gebildet, wo das Wasser stellenweise nur noch 50 bis 80 cm tief ist. Zweimal haben wir Grundberührung gehabt. Passiert ist nichts, aber es zeigt, wie schnell Stellen, die man seit Jahren problemlos befährt, plötzlich zur Falle werden.

Unsere Tipps bei Niedrigwasser:

  • Pegel checken, bevor du ausläufst. Den aktuellen Stand findest du auf hydrodaten.admin.ch (Station 2209, Zürichsee–Zürich).
  • Deinen Tiefgang kennen, und zwar den echten, nicht den aus der Erinnerung.
  • Bekannte Strecken neu denken: Hafeneinfahrten, Bojenfelder und Ufernähe langsam und mit Blick aufs Echolot ansteuern.
  • Wenn es doch passiert: Boot krängen, also Crew auf eine Seite oder Gewicht auf den Baum. Das verringert den Tiefgang und hilft oft, wieder freizukommen.

Windtechnisch ein schwieriges Jahr

Neben dem Wasserstand hat uns dieses Jahr vor allem der Wind gefordert. Die Vorhersagen lagen häufig daneben, und zwar über alle Wettermodelle hinweg. Das hat Gründe.

Hochdruck und schwache Gradienten: In Europa nehmen die Hochdrucklagen zu, wodurch sich Hitze und Trockenheit festsetzen können. Bei solchen Lagen fehlt der grossräumige Druckunterschied, der für verlässlichen Wind sorgt. Auf dem See bleibt dann vor allem die Thermik, also der lokale Wind, der entsteht, wenn sich das Land schneller erwärmt als das Wasser. Genau diese kleinräumigen Winde sind für Wettermodelle besonders schwer zu treffen.

Die Thermik-Killer am Himmel: Uns ist dieses Jahr ein Muster aufgefallen: Morgens oft noch blauer Himmel, dann nehmen die Kondensstreifen mit dem Flugverkehr im Tagesverlauf zu, und am Nachmittag liegt eine graue, novemberähnliche Schicht über dem See. An diesen Tagen baut sich keine Thermik auf. Es bleibt schlicht den ganzen Tag windstill.

«Ein Tag mit Kondensstreifen-Schleier»

Normalerweise entsteht Thermik durch eine simple Tagesdynamik: Die Sonne erwärmt den Boden, die Luft steigt auf, und über den Mittag entsteht ein verlässlicher Wind. Genau dieser Mechanismus setzt an solchen Tagen nie ein, weil die Sonne durch den Kondensstreifen-Schleier verdeckt bleibt, bevor sich am Boden überhaupt ein Temperaturunterschied aufbauen kann. Das Resultat ist kompletter Flautetag statt verlässlicher Nachmittagsthermik.

 

 

Ob die Häufigkeit dieser Tage tatsächlich zugenommen hat, können wir nicht wissenschaftlich belegen, das ist unsere Beobachtung über die Saison. Dass Kondensstreifen-Zirren die Sonneneinstrahlung am Boden spürbar reduzieren können, ist aber gut erforscht: Eine Modellstudie des Karlsruher Instituts für Technologie zeigt eine Reduktion von bis zu 10 %, und dieser Effekt ist in der operationellen Wettervorhersage nicht abgebildet. Die Modelle sagen dann einen Wind voraus, der nie entsteht, weil sie diese fehlende Erwärmung schlicht nicht “sehen”.

Seglertipp: Kondensstreifen, die lange stehen bleiben und sich ausbreiten, zeigen feuchte Luft in grosser Höhe an. Ein Himmel, der morgens blau startet und sich bis Mittag zuzieht, ist für uns inzwischen ein Warnsignal für einen kompletten Flautetag, nicht nur für schwächeren Wind.

Der grosse Zusammenhang: El Niño und ein Rekordjahr

Während wir am See mit Niedrigwasser kämpfen, baut sich im Pazifik ein aussergewöhnliches Ereignis auf. Die Weltorganisation für Meteorologie WMO warnte im September, das aktuelle El Niño könnte das stärkste seit 40 Jahren werden, und hält ein Andauern bis Februar 2027 für nahezu sicher. Das europäische Wettermodell ECMWF erwartet den Höhepunkt im November/Dezember 2026.

Ist El Niño also schuld an unserem Sommer? So einfach ist es nicht. Die Fernwirkung von El Niño auf Europa ist laut SRF Meteo nur sehr schwach; für das Wetter in der Schweiz ist die Grosswetterlage über Europa entscheidend. Global sieht es anders aus: Durch die Erwärmung des Pazifiks wird enorm viel Wärme freigesetzt, und es wird insgesamt wärmer. Und dieser Sommer passt ins Bild: Im Juni und Juli lagen die Temperaturen in Westeuropa und der Schweiz 2.79 Grad über dem Durchschnitt der letzten gut 30 Jahre, bei extremer Trockenheit.

Für uns Seglerinnen und Segler heisst das: Extreme Jahre werden häufiger, und Erfahrungswerte wie «diese Einfahrt ist immer tief genug» oder «um zwei Uhr kommt die Thermik» gelten nicht mehr selbstverständlich.

Unser Fazit

Es war ein extremes Jahr, aber ein gutes Segeljahr. Alle Kurse und Prüfungen haben stattgefunden. Unsere Schülerinnen und Schüler haben dabei vielleicht sogar mehr gelernt als in einem gewöhnlichen Jahr: Wind lesen statt der App glauben, Gefahrenstellen erkennen, mit wenig Wind Geduld haben. Genau das macht gute Seglerinnen und Segler aus.

Für eine echte Erholung des Seespiegels braucht es mehrere Tage ergiebigen Regen und einen schneereichen Winter. Bis dahin gilt: Pegel checken, langsam fahren, Augen auf.

Quellen: BAFU Hydrologische Daten (Station 2209), BAFU-Medienmitteilung vom 30.09.2026, WMO, SRF Meteo, Gruber et al. (KIT) zu Kondensstreifen und Einstrahlung.

Vorherige

Hinterlasse einen Kommentar.

Bitte beachten. Kommentare müssen genehmigt werden, bevor sie veröffentlicht werden.